Archiv für März 2012

Nochmal Personenkult: Egon Krenz wird 75.

Egon Krenz, ein in der früher mal heiß diskutierten DDR früher mal sehr wichtiger Kader, wird heute 75 Jahre alt. Ja, es gibt noch Menschen, die sich trauen, das zu feiern. Es gibt auch noch Menschen, die es wichtig finden, dieses und andere Jubiläen hochzuhalten. Es gibt auch Menschen, die genau dies anstößig finden. Dreimal: Warum? Fangen wir bei der letzten Frage an. Seit Egon Krenz Staatsbürger der BRD ist, hat er nie etwas unternommen, das geeignet wäre, den Bestand oder Charakter dieses aktuell einzigen „deutschen“ Staates zu gefährden. Er hat aber verschiedene Äußerungen veröffentlicht, aus denen hervor geht, dass er seine Rolle im nicht mehr existierenden konkurrierenden Staat und System (und dieses) immer noch nicht ausschließlich negativ sieht. Damit ist er unter den Ossis in guter Gesellschaft, aber am politisch erwünschten Tenor unerhört weit vorbei. Soeben wird mit Joachim Gauck ein erzkonservativer Anti-Oppositionsossi widerstrebend, aber mit aller Feier, als neuer Präsident aller Deutschen im Amt bestätigt. DDR-Karrieren, insbesondere „systemnahe“, sind heute erklärungsbedürftig. Erklärung heißt dabei Entschuldigung. Gefragt sind nicht Erfolgsstories von unschlagbar brauchbaren Angeboten ans System, die dankend aufgegriffen wurden. Viel mehr haben sich DDR-Karrieren an den heute (noch und wieder) geltenden Maßstäben zu bewähren. Das maßgebliche mitmischen im System ist zu erklären als Notwendigkeit, teilweise unter Zwang oder unter Erwartung von relevanten Nachteilen als Alternative. Wenn man heute eine systemnahe DDR-Biographie verkauft, dann hat diese am Besten „für Deutschland“ zu sein und mindestens Zerknirschung über die realen Mängel des gleichnamigen Sozialismus vorzubringen. Egon Krenz tut dies nur in ungenügendem Maße. Ist dies ein Grund, ihn abzufeiern? Ich finde: nein. Andererseits sind zahlreiche alternative Kandidaten für diesen Ikonenjob nun mal schon tot oder bei der Linkspartei gelandet. Praktisch ist das beides ein Malus.

Was sind das für Leute, die Egon Krenz‘ Geburtstag feiernswert finden, jenseits seins Bekanntenkreises? Es sind Leute, die im Trotz gefangen sind. Sie mögen an der DDR alle möglichen richtigen und falschen Kritiken haben. Sie mögen in ihr groß oder klein, reich oder eher grade so auskommend (darunter machte es dort keiner), wichtig oder verfemt gewesen sein: Sie empfinden die pauschale heutige Bewertung dieses Staates und ihrer persönlichen Lebensgeschichten als falsch oder zumindest unangemessen. Das bringt sie in Opposition zur offiziell gefragten Moral. So weit, so gut. Was heißt das alles nicht?
Dass ihre Kritik am vergangenen Ost-System korrekt ist
Dass ihre Kritik am aktuell allein gültigen System korrekt ist
Dass das Ost-System dem damaligen West-System oder dem heutigen Zustand allgemein vorzuziehen ist
Dass sie für Kommunismus heute mehr als andere empfänglich wären oder bereit, dafür etwas zu tun.
Dass Egon Krenz per se die richtige Figur für irgendwelche Trotz- oder Hoffnungsprojektionen ist.

Egon Krenz lebt und ich wünsche ihm beste Gesundheit noch lange, fern ab von jeder politischen Kalkulation.
Er hat mir auch nie etwas angetan oder mir persönlich irgendeinen Vorteil gebracht.

Ein Zyniker würde es anders sehen. Schließlich erschwert Egon Krenz‘ Wirken den Blick darauf, wer nur persönlichen Abstieg verarbeitet, wen es blöd erwischt hat, wer falschen und verrückten Idealen nachhängt oder wer in Egon Krenz eine geeignete Ikone sieht, um die Repräsentanten des aktuell gültigen Systems zu blamieren oder zu ärgern. Es ist fast irrelevant für diese Fragen, was Egon Krenz heute tut und sagt. Ein kommender Kommunismus muss ohne Egon Krenz auskommen. Oder Kuba. Oder Teddy Thälmann. Oder Tamara Bunke. Sie geben den falschen Leuten die falschen altbekannten Antworten und sagen der aktuellen Generation im besten Fall gar nichts. Wer heute einen Führerschein hat und wählen darf, war 1990 vielleicht noch nicht einmal geboren. Denkt daran bei eurem nächsten Streit mit alten 68ern, alten Ossis, alten Konservativen oder jungen Konformisten und ärgert euch nicht so sehr über den Knacker, den jetzt alle feiern und der in eurem Leben so wenige Spuren hinterlassen wird, wie Wulff, Rau, Herzog und Scheel es taten, wenn überhaupt. Wenn euch diese Namen nichts sagen – nicht weiter schlimm. Die Regeln machen sowieso andere. Diese hier feiern sie nur.