Wenn die Arbeitervorhut weiße Kittel anzieht…

Ende Juli erschien die aktuelle Worker’s Vanguard und der Blogsportler Neoprene hat sie gelesen. Soweit, so alltäglich. Dort wurden ein paar grundlegende Einlassungen zur Schulmedizin und ihrer alternativ-spirituellen Konkurrenz gemacht, die Neoprene „schwierig, schwierig“ fand und seither gibt es just bei ihm eine rege Debatte darum, wie man es zu halten habe mit der Gesundheitsindustrie.

Die Trotzkisten von der Arbeitervorhut haben dazu einen klaren Standpunkt: Schulmedizin ist Wissenschaft und gehört verteidigt gegen Rückfälle in und Rückgriffe auf die Mirakelkiste der Wanderprediger, Glaubensheiler und profanen Betrüger. Der wichtigste Einwand dagegen ist, dass in der Realität die Medizinanstalten den Leuten keineswegs immer die erhoffte Heilung bringen. Das Anliegen der Akteure im modernen Gesundheitswesen ist auch gar nicht unbedingt der Heilungserfolg, sondern das Geldverdienen an der Heilung. In der plattesten Form, die man historisch und anderswo auch heute noch begutachten kann, heißt das: Wer kein Geld hat, kriegt keine Behandlung und wer wenig Geld hat, bekommt eine Spar-Behandlung mit Billig-Methoden, die bisweilen weder dem neuesten Stand von Technik und Wissen, noch den höchsten Maßstäben der Verträglichkeit genügen. Hierzulande ist die große Masse pflichtversichert, was die Debatte aber nicht aus der Welt schafft. Politiker wie etwa Philipp Mißfelder halten „nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“ Mißfelder leitet übrigens mittlerweile den Arbeitskreis „Zusammenhalt der Generationen“ der CDU Deutschlands. Aber auch jenseits solcher prominent gewordener Randfälle rechten Krankenkassen, Politiker, Beitragszahler und Leistungsempfänger darum, welche Maßnahmen medizinisch notwendig, welche angemessen sind und welche zu der Sorte Luxus gehören, die man selber zu blechen hat. Jegliche Sorte Zahnmedizin fällt etwa seit einigen Jahren verstärkt darunter. Überhaupt ist moderne Medizin am Standort BRD und anderswo ein ziemlich ungemütliches, ruppiges und aufreibendes Geschäft, das mit Bergdoktor-Idyll und Praxis-Bülowbogen-Seligkeit wenig zu schaffen hat. Es geht praktisch darum, die Arbeitnehmer mit angemessenem Kostenaufwand in vertretbarer Zeit soweit wieder herzustellen, dass sie als Arbeitnehmer wieder was taugen. Wer dieses aparte Ziel nicht erreicht, wird auf kurzem Wege zum Sozialfall.

Der Krankenhausarzt Dr. Thomas Hartung aus dem ostdeutschen Provinzstädtchen Weimar ist über den ganzen Streß und die vielen faulen Kompromisse zulasten der Patienten ein Linker geworden und kurz darauf per Direktmandat in das Thüringer Landesparlament eingezogen. Weil es ihm dort nicht forsch genug voran ging, hat er sich dann bald von der Partei wieder verabschiedet und gemeinsam mit vermeintlichen Radikalen um die Trotzkistenvereinigung SAV einen eigenen Linksverein aufgemacht, mit dem sich ordentlich wutstampfend protestieren lässt. Weil andererseits aber auch Hartung weiß, dass die Entscheidungen woanders getroffen werden, ist der linke Überflieger Anfang der Woche gleich noch in die SPD-Fraktion eingetreten, die zusammen mit der CDU in Thüringen regiert und dort genau die Krankenhauspolitik „gestaltet“, deretwegen Hartung überhaupt erst in die Verlegenheit kam, sich eine Fraktion aussuchen zu müssen. Darüber kann man schon verzweifeln. Auch bei der Forschung sieht es düster aus: Neue Therapieformen entstehen vorrangig auf den Feldern, auf denen Gewinne winken oder finanzkräftige Sponsoren aus privater Betroffenheit oder Profilierungswunsch zumindest die Entwicklung selbst co-finanzieren.

Die moderne Medizin steht zurecht in zweifelhaftem Ruf. Das ist aber kein Grund, ihr den Rücken zu kehren und beim Handaufleger oder beim Vitaminpapst die Heilung vom Krebs zu erhoffen. Zwar ist es durchaus vorstellbar, dass dieser oder jene traditionelle Tee tatsächlich die Heilung mancher Krankheit beflügelt. Es gilt aber die Wirkmechanismen dahinter zu erkunden und systematisch offenzulegen, statt sich mit dem Wissen um Tradition und Erfahrung den ganzen unwissenschaftlichen Aberglauben mit einzukaufen, der da mitschwingt. Das Etikett „alternative Heilkunde“ fasst alles Mögliche zusammen unter dem Gesichtspunkt, was sie nicht ist: Systematische, wissenschaftlich belegte und nachweislich wirksame Methoden mit rationell untersuchten Seiteneffekten und Nebenwirkungen. In der Szene, die diesem anhängt, hat dann alles seinen gleichberechtigten Platz: Fernöstliche Zufallsfunde, die sich seit Jahrhunderten bewähren neben Omas zufällig tatsächlich wirksamen Waldkräutern und ebenso generationenlang tradierten Irrlehren, bei denen man nur hoffen kann, dass sie wenigstens nicht ernsthaft schädigen.

Besonders interessierte Verbreiter alternativer Heilungskonzepte sind die sogenannten „Truther“ oder Infokrieger. Das nimmt nicht wunder, schließlich passt alternative Heilkunde genau in ihr Weltbild. Genau wie bei allen anderen Themen auch, vermuten sie hinter der modernen Medizin einen bösen Plan von Verschwörern, die nur sie kennen und stellen sich hinter jedes noch so absurde alternative Konzept. Dass die Protagonisten mancher Alternativmodelle in Deutschland aus gutem Grund Praxis- und Vertriebsverbote haben, ist für die Krieger nur ein Grund mehr, zu glauben, dass hier unbequeme, unwillkommene Wahrheiten unterdrückt werden sollen. Man soll allerdings nicht in den Denkfehler der Umkehrung verfallen: Dass etwas bei uns verboten ist oder in schlechtem Ruf steht, ist weder ein Argument für noch gegen seine Wirksamkeit und längst nicht alles, was erlaubt ist, ist auch unbedenklich oder sinnvoll.

So richtig es ist, dass die heutige Medizin vieles nicht weiß und manches auch gar nicht erst erforscht, so trostlos ist bei nüchterner Betrachtung die Alternative. Deshalb gehört diese Medizin ihren heutigen, gesellschaftlich bedingten Schranken entrissen und von all den sachfremden Nebenerwägungen befreit, die heute einer vernünftigen Behandlung von Krankheiten im Wege stehen.


7 Antworten auf „Wenn die Arbeitervorhut weiße Kittel anzieht…“


  1. 1 bigmouth 15. August 2010 um 23:12 Uhr

    kompliziert wird das ganze dadurch, dass Placebo-Effekte ja wirklich nachweisbar existieren. Und da kann ein charismatischer Heilpraktiker psychosomatische Rückenschmerzen für viele Leute vielleicht wirklich besser weg kriegen als die Schulmedizin.

  2. 2 Neoprene 16. August 2010 um 9:33 Uhr

    Wenn du schreibst
    “ Der wichtigste Einwand … ist, dass in der Realität die Medizinanstalten den Leuten keineswegs immer die erhoffte Heilung bringen. Das Anliegen der Akteure im modernen Gesundheitswesen ist auch gar nicht unbedingt der Heilungserfolg, sondern das Geldverdienen an der Heilung.“ dann möchte ich dem zweierlei entgegenhalten:
    Das selbst wissenschaftlich fundierte und betriebene Medizin nicht allheilend ist, das weiß jeder. Das spricht aber nur dafür, daß wissenschaftlich gesehen selbst nach eigentlich erst zwei Jahrhunderten als echte Wissenschaft Medizin erst am Anfang steht. Deshalb würde eine sozialistische Gesellschaft noch erheblichen Aufwand betreiben, um dem abzuhelfen. Das das nun wirklich nicht einfach ist, zeigt der riesige Aufwand in der Krebsforschung der letzten Jahrzehnte, der bei Lichte besehen bisher ernüchternd geringe Erfolge erzielt hat. Bei den Alterskrankheiten Alzheimer, Demenz, Parkinson z.B. steht die Medizin eingestandenermaßen erst ganz am Anfang.

    Ausgerechnet den Trotzkisten des Workers Vanguard vorzuhalten, daß im Kapitalismus Medizin den Profiten dient, heißt Eulen nach Athen tragen. Über die US-Organisation der Ärtzte, um die esim Leserbrief in WV 947 geht, schreibt WV z.B. „Their economic motive is simple: to charge as exorbitant a fee as they can squeeze out of patients.“ Schon die ersten paar Sätze des aktuellen Artikels machen die Herangehensweise eigentlich unmißverständlich klar:
    „It would be hard to find a more blatant expression of the capitalist profit system than the plans afoot to “reform” the catastrophe of health care in America. The commodity trade here is in human lives and the life-sucking health insurance giants and drug companies are the ones who will continue to be laughing all the way to the bank.“
    Auch deine vermeintliche Klarstellung „In der plattesten Form, die man historisch und anderswo auch heute noch begutachten kann, heißt das: Wer kein Geld hat, kriegt keine Behandlung “ ist der durchgehende Faden der Artikel des WV zum Thema. nicht umsonst zitieren sie einen alten Artikel aus ihrer mittlerweile eingestellten Frauenzeitschrift „Women an Revolution“ aus 1991 „he Debate Over “Socialized Medicine”-- Wealth Care USA“, wo schon aus den Zwischenüberschriften „Medicine for Profit in Capitalist America“, „Capitalist America: Class, Race, Sex Bigotry“, „History of the Health Insurance Debate“, „Enter the Doctors“, „Public Health in America: Stillborn“, „Bitter Fruits of “Wealth Care”“, „Free, Quality Health Care for All in a Socialist World!“ ersichtlich ist, wie die ticken.

    Immerhin bist du so venünftig (das gilt ja leider nicht für alle) „dem neuesten Stand von Technik und Wissen“ das Wort zu reden. Genau darum ging es mir. Ohne den ist nämlich Gesundheitsversorgung wieder die Scharlatanerie, die sie im Europa des Mittelalters lange und selbst dann gewesen ist, als z.B. in Bagdad ein begnadeter wissenschaflticher Arzt wie ibn Sina (Avicenna) gelebt hat, der Noah Gordons Medicus als Vorbild gedient hat.

    Die heutige Quacksalberei nimmt sich übrigens nichts verglichen mit „richtigen“ Ärtzten oder den früheren Scharlatanen, was die Geldschneiderei angeht.

    Ich kann jedenfalls dein Zwischenresümee voll und ganz unterschreiben
    „Die moderne Medizin steht zurecht in zweifelhaftem Ruf. Das ist aber kein Grund, ihr den Rücken zu kehren und beim Handaufleger oder beim Vitaminpapst die Heilung vom Krebs zu erhoffen. Zwar ist es durchaus vorstellbar, dass dieser oder jene traditionelle Tee tatsächlich die Heilung mancher Krankheit beflügelt. Es gilt aber die Wirkmechanismen dahinter zu erkunden und systematisch offenzulegen, statt sich mit dem Wissen um Tradition und Erfahrung den ganzen unwissenschaftlichen Aberglauben mit einzukaufen, der da mitschwingt.“ Auch Avicenna hatte übrigens nicht immer Recht, dafür war seine wissenschaftliche Basis noch viel zu klein, zudem er wiederum viel „nur“ von den Griechen abgeschrieben bzw. wieder ins Bewußtsein gebracht hatte. Und umgekehrt hatten auch viele Hexen und vorwissenschaftlichen Heiler aller Art Recht, wenn sie vernünftig mit dem blöden Grundsatz post hoc ergo propter hoc (was später passiert, hatte seinen Grund in etwas, was vorher passiert ist) umgegangen sind. Denn frühe wissenschaftliche Beschäftigung konnte ja eh nur schauen, was für statistische Korrelationen es gab, mangels völliger Unkenntnis der inneren kausalen Zusammenhänge der beobachteten Phänomene und der Heilmittel. In solch einem rohen Sinne ist schon der Schimpanse vernünftig, der sich bei entzündeten Arsch selbigen mit Kräuterblättern den selbigen abwischt, die entzündungshemmend wirken.

    Oder auch „In der Szene, die diesem anhängt, hat dann alles seinen gleichberechtigten Platz: Fernöstliche Zufallsfunde, die sich seit Jahrhunderten bewähren neben Omas zufällig tatsächlich wirksamen Waldkräutern und ebenso generationenlang tradierten Irrlehren, bei denen man nur hoffen kann, dass sie wenigstens nicht ernsthaft schädigen.“ Meine Rede.

    Genauso wie ich (und die Trotzkisten seut Jahr und Tag) immer zu sagen pflege:
    „Deshalb gehört diese Medizin ihren heutigen, gesellschaftlich bedingten Schranken entrissen und von all den sachfremden Nebenerwägungen befreit, die heute einer vernünftigen Behandlung von Krankheiten im Wege stehen.“ Oder prononcierter formuliert:
    Für den Kommunismus, weiltweit!

  3. 3 Neoprene 16. August 2010 um 12:11 Uhr

    Noch eine kleine Richtigstellung:
    Stromsau hat seinen Beitrag damit angefangen

    „Ende Juli erschien die aktuelle Worker’s Vanguard und der Blogsportler Neoprene hat sie gelesen. Soweit, so alltäglich. Dort wurden ein paar grundlegende Einlassungen zur Schulmedizin und ihrer alternativ-spirituellen Konkurrenz gemacht, die Neoprene „schwierig, schwierig“ fand .“

    Das stimmt nicht ganz. Mein halb belustigt halb ernst gemeinter Titel bezog sich, wie auch beim GSP-Artikel, nicht auf das von den jeweiligen Organisationen Vorgetragene, sondern darauf, daß in beiden Fällen das Umfeld, also die Leser und Symphatisanten, damit große Probleme haben, bzw. zentrale Thesen jeweils sogar massiv zurückgewiesen haben.
    Da wollte ich wenigstens im Fall des WV und der Medizin auch eine Lanze in seinem Sinne brechen (obwohl ich mich mit Medizin als Wissenschaft um Längen schlechter auskenne als mit ökonomischen Themen).

  4. 4 Stromsau 16. August 2010 um 16:34 Uhr

    Die Überschriften habe ich tatsächlich anders aufgefasst. Danke für die Richtigstellung. Und von meiner Seite: Ich hatte deren Argument aufgegriffen und verarbeitet. Es ist nicht als Vorhalt an die WV gedacht, dass Medizin in unserer Gesellschaft Mittel zu demselben Zweck ist wie jedes andere Geschäft auch. Dass ich manchmal noch nicht verständlich genug mache, was als Kritik woran gemeint ist (unabhängig davon, ob ich meine Aussage für sich stehend für richtig halte), habe ich auch in dieser anderen Diskussion bemerkt.

  5. 5 Neoprene 16. August 2010 um 18:26 Uhr

    Ach gott! Das mit der Verständlichkeit ist eh so eine Sache, selbst hier, wo man sein Zeugs ja schwarz auf weiß abliefert. Und in dem von dir angeführten Fall der plötzlich explodierenden Streitereien um Nestor, Engels und die Bolschewiki allemal.

  6. 6 alkohol 14. April 2012 um 2:38 Uhr

    „Systematische, wissenschaftlich belegte und nachweislich wirksame Methoden mit rationell untersuchten Seiteneffekten und Nebenwirkungen.“

    Es wird sich zwar um Wissenschaftlichkeit bemüht, aber die Medizin ist eben noch keine Wissenschaft. Wenn in klinischen Doppelblindstudien zunächst mal nach signifikanten Häufungen geschaut wird, ist das sicher nicht verkehrt. Aber solange man die Ursache einer Wirkung nicht gefunden hat, ist das nunmal keine sichere Erkenntnis. Physik und Chemie, auch Mathematik – das sind Wissenschaften.

    Und wenn man das Fass der psychischen Erkrankungen aufmachte, würde es nochmal komplizierter.

    „kompliziert wird das ganze dadurch, dass Placebo-Effekte ja wirklich nachweisbar existieren. Und da kann ein charismatischer Heilpraktiker psychosomatische Rückenschmerzen für viele Leute vielleicht wirklich besser weg kriegen als die Schulmedizin.“

    Man bewegt sich eben in Vielem noch auf dem Niveau der Alchemie. Und so viel Quatsch es da gab und eben in der Alternativmedizin auch immer gibt, so sind sie doch eine empirische Beschäftigung mit Phänomenen. Die Alchemie war die historische Voraussetzung der Chemie („historisch“ meint: hätte man auch anders, ohne den spinnerten Klumpatsch herausfinden können). Also ganz kann man die Alternativmedizin einstweilen nicht vom Tisch wischen.
    Ich glaube zwar nicht an die Homöopathie, aber ihre spekulative Annahme, man könne einen Körper mit Gleichem oder Ähnlichem wie dem Krankmachenden konfrontieren, um so etwas wie eigene Selbstheilungskräfte zu aktivieren, findet bei der Impfung eine gewisse Bestätigung.

    Klar muss man die Alternativmedizin gründlich kritisieren. Z.T. ist aber die Frage, ob man überhaupt etwas anderes hat.
    Um nun nicht auf dem Niveau der Alchemie stehenzubleiben, sollte die Forschung halt an Sachen ansetzen wie: Was passiert bei Meditation, Handauflegen u.ä.? Wie ich vor Kurzem hörte, wird der Placebo-Effekt nicht mehr nur als etwas methodisch Auszuschaltendes gesehen, sondern endlich selbst erforscht.

  7. 7 Stromsau 28. Juni 2012 um 6:37 Uhr

    Klar muss man die Alternativmedizin gründlich kritisieren. Z.T. ist aber die Frage, ob man überhaupt etwas anderes hat.

    1) Wenn eine „alternative“ Methode nachweislich Quatsch ist, dann muss man nicht „etwas anderes haben“ um sie aus dem Repertoire zu streichen.

    2) Wenn eine „alternative“ Methode in Untersuchungen eine Wirkung zeigt und man diese Wirkungen nach und nach erklären lernt – wo ist dabei das „alternative“ zur wissenschaftlichen Medizin?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.