Ulf Poschardts gähnend langweilige Neiddebatte von oben

Ulf Poschardt, Herausgeber von so biederen Fachzeitschriften wie Musikexpress und Metal Hammer, hat mal wieder Lust bekommen, sich auszukotzen und in der WELT-Leserschaft ein dankbares Publikum gefunden. In seinem Kommentar vom 06.08.2010 hat er sich das Thema Neiddebatte vorgenommen. Eine solche sieht er angestachelt, weil Politiker der Oppositionsparteien deutsche Vermögensinhaber zu freiwilliger Spendentätigkeit auffordern wollen. Diese nicht ganz alltägliche Idee kam ihnen wohl, nachdem einige Milliardäre aus Amerika kürzlich unverbindlich erklärten, die Hälfte oder mehr von ihrem Vermögen bis spätestens zu ihrem Ableben spenden zu wollen. Hier setzt Poschardt an mit seiner unermüdlichen, aber auch ungenießbaren Aneinanderreihung tausendmal wiedergekäuter Allgemeinplätzchen, die er sich diesmal im Wesentlichen von Sloterdijk geklaut hat. Im Wesentlichen kürzt sich sein Begehr darauf zusammen, dass die Steuern bitteschön runter müssen und die Sozialausgaben auch, damit Reiche möglichst viel Gelegenheit bekommen, mit ihrem Privatgeld genau die Sorte von Elend und Not zu betreuen, die ihnen persönlich am Lohnendsten erscheint – schließlich wissen die am Besten mit Geld umzugehen.

Poschardt zufolge kümmert sich besser statt einer „Sozialbürokratie [..] ein auf Effizienz und Geschwindigkeit getrimmter Stiftungskopf um die Sozialrendite der Investition.“ Sozialrendite? Das ist je nach persönlichem Geschmack des Spenders ein neues (vermarktbares) Medikament für eine Krankheit, die die letzte Exgattin dahingerafft hat oder auch die Vergabe von Stipendien an vielversprechende, willige Sozialaufsteiger in spe. Meistens decken sich Stipendienprogramm und Bedarf an Nachwuchs in der Industrie des Spenders zu einem hinreichenden Grad, dass man von Altruismus oder Philanthropie nicht sprechen muss. Überhaupt sieht Poschardt die Menschheit, soweit sie ohne Geld ist, eher kritisch. „Schlanken, fast asketischen Milliardären stehen oft genug übergewichtige Vertreter des Prekariats gegenüber“, weiß der selber nicht ganz schlanke Poschardt. Das ist einerseits geklaut beim Rechtspopulisten Thilo Sarrazin, andererseits eine durchaus richtige Beobachtung: Reiche liegen beim aktuellen Fitness- und Wellness-Trend weit vorn, was wohl auch daran liegen mag, dass sie das notwendige Kleingeld einfach haben. Gemeint ist das hier aber anders: Wer in der Hierarchie weit unten landet, der hat sich nicht genug bemüht und lebt ein faules Leben, während Reichtum immer den Tüchtigen und Guten trifft. Folglich gehört für Poschardt die Entscheidung über Wohl und Wehe der Gesellschaft auch nicht in die Pranke eines „aufgeblähten“ Staatsapparates, sondern in die zupackenden Hände der tüchtig-reichen Herrenmenschen. Auf den lässt Poschardt nichts kommen: „In Dankbarkeit nimmt er [der Reiche] das Geschenk der Eigenverantwortung durch einen schwachen Staat an und nutzt als Souverän seine Freiheit zur radikalen Geste der Spende. Er wird seiner Verantwortung gerecht. “ Kritik an den Oberen hält er für die missgünstige Sabotage linker Professoren, die einer „egalitären bundesrepublikanischen Wärmestube“ mit einem „steuerstaatlichen Semi-Sozialismus“ das Wort reden. Das ist natürlich alles dummes Zeug und man darf darüber nicht vergessen, dass Deutschlands Wirtschaft in schöner Regelmäßigkeit neue Superreiche einerseits und fortschreitende Degradierung der Massen zu jederzeit abrufbaren, kostengünstigen Arbeitskraft-Automaten andererseits produziert. Dass das noch nicht weit genug geht, zeigt sich in dem Artikel einerseits anhand einer zitierten DIW-Studie, laut der Superreiche von ihren gezahlten Steuern kaum etwas hätten und Mittelständler weniger Steuer zahlten als sie an Staatsleistungen einsammelten und andererseits an der Klage „dass ein derart großer Teil des Einkommens in dem üppigen Sozialetat verschwindet, dass einigen Millionären die Lust am Spenden vergeht“.

Wer indes wirklich nach einem besseren Leben strebt, der sollte auf die Spendelust der Reichen ebensowenig schielen wie auf die Errungenschaften des Sozialstaates oder die vielen absurden Sonderwege, auf denen eine kleine Schar es durch Zufälle immer wieder schafft, selbst vom Mittellosen zum Inhaber stattlicher Kapitale zu werden. Bei Karl Marx steht aufgeschrieben, wo der Reichtum herkommt und wie er mit der Armut der Mehrheit zusammenhängt. Wer auf anbetungswürdige Selfmade-Almosengeber und die scharf kalkulierten Angebote des Steuerstaates nichts gibt, der sollte viele Gleichgesinnte um sich scharen und was anderes probieren durchzusetzen. Mag dabei auch manches schiefgehen, wenn damit wenigstens die Sloterdijks und Poschardts dieses Landes verstummen, dann kann man hinterher sagen: War ja nicht alles schlecht…


1 Antwort auf „Ulf Poschardts gähnend langweilige Neiddebatte von oben“


  1. 1 Stromsau 07. August 2010 um 11:15 Uhr

    Nachtrag:

    Leute, die wirklich was zum Geld zu sagen haben, weil sie es selber besitzen, sehen das in Deutschland indes etwas anders:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,710680,00.html

    Auch der Hamburger Reeder und Multimillionär Peter Krämer kritisiert die Spendenaktion von Gates und Warren scharf: „Ich finde diese US-Aktion höchst problematisch“, sagte Krämer dem SPIEGEL. Weil Spenden in den USA zum großen Teil steuerlich absetzbar seien, würden Reiche entscheiden, ob sie lieber spenden oder Steuern zahlen. „Die Spender treten an die Stelle des Staates. Das geht nicht. Das ist alles nur ein schlechter Transfer von der Staatsgewalt hin zum Milliardärsgusto. Nicht der Staat soll entscheiden, was gut für die Menschen ist, sondern die Reichen wollen dies bestimmen. Das ist eine Entwicklung, die ich wirklich schlimm finde. Wer legitimiert diese Menschen zu entscheiden, wo solche riesigen Beträge hinfließen“, so Krämer.

    Deutschen Reichen empfiehlt er, nicht in dieser Form ihr Geld abzugeben. Sinnvoller sei es, gemeinsam mit etablierten Organisationen zusammenzuarbeiten und zu spenden. Krämer trat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Forderungen in Erscheinung, Reiche wie er sollten von der öffentlichen Hand stärker zur Kasse gebeten werden.

    Die Last, sich um die beste Verteilung von Wohlstand zu kümmern, wird man natürlich am leichtesten los, indem Wohlstand gesellschaftlich wird und diese dumme Geldzählerei endlich mal mangels Geld aufhört.

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