Ofenschlot zur neuen Marx-Lektüre

Ausgehend von einem Beitrag in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentiert der Blogger Ofenschlot sehr lesenswert die Reduktion Marx‘ zum Urheber einer reinen Methode oder Masche des Rechtfertigungs-Denkens hierzulande, vor allem aber auch in China. Dort arbeitet man nicht nur an einer neuen Marx-Engels-Übersetzung, sondern auch an einer neuen weltweit zu publizierenden Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Wie sehr man mit einem falschen Verständnis der Werke Marxens gleichzeitig DKP-Kommunist und China-Apologet sein kann, lässt sich gut an dem Wirken Professor Eike Kopfs nachvollziehen. Der ist im Hauptberuf seit einigen Jahren im chinesischen MEGA-Projekt involviert. Wenn er daneben Zeit hat, tourt er allerdings durch Deutschland und wirbt für den besonders schlauen chinesischen Weg, den Kapitalismus zu überwinden, indem man unter besonderer Berücksichtigung der Erkenntnisse im „Kapital“ Kapitalismus schonungslos und erfolgreich betreibt und damit die nur normalen Kapitalisten ohne Marx-Bonus reihenweise aus dem Feld zu schlagen gewillt ist. Wie sehr dieser schräge Marxismus die Arbeiter zu bloßen Werkzeugen und Erfüllungshelfern des ehrgeizigen Staatsprogrammes degradiert und den Kommunismus damit vollkommen seines Zweckes entleert, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes Wesen ist“, scheint Prof. Kopf entweder nicht aufzufallen oder – was näher liegt – vollkommen einzuleuchten als geniale Methode des Zurechtkommens „des Sozialismus“ in einer feindlichen Welt. Marxismus ist hier wirklich nur noch eine gelehrsame Art, sich sein pragmatisches Einhausen im Vorgefundenen zu rechtfertigen und zum – leider – notwendigen Schritt in Richtung des Kommunismus zu erklären, der dann irgendwann vielleicht ansteht, aber jedenfalls jetzt nicht. Einerseits hat also Professor Kopf Anteil an der Verfügbarmachung möglichst vieler Marxscher Schriften, die damit studierbar, nachprüfbar und auch kritisierbar werden, damit immer weniger Leuten ein begriffsloses spruchweises Zitieren durchgehen mag. Andererseits kann er viel Schaden anrichten als Verbreiter einer Interpretation ebendieser Werke, die schon der Rechtfertigung jeden Blödsinns in der Sowjetunion und jedes tagespolitischen Schwenks in der DDR große Dienste erwies und mühelos auf das moderne China übertragbar ist. Was am Ende überwiegt, ist wohl vor allem eine Sache des wachen Verstands der Rezipienten.


5 Antworten auf „Ofenschlot zur neuen Marx-Lektüre“


  1. 1 Ofenschlot 16. August 2010 um 21:13 Uhr

    Zu Eike Kopf muss man doch was präziseres sagen: Er führt zwar den Titel Professor, aber er unterrichtet eigentlich schon lange nicht mehr, zum einen wäre er wohl schon emeritiert, zum anderen war er Professor in der DDR (an der PH Erfurt/Mühlhausen) und wurde als solcher natürlich 90/91 abgewickelt. Kopf leitete dort eine MEGA-Gruppe (mit angeblich über 100 Forschern und Hilfskräften, Wahnsinn!), also ein Team, das an der Marx-Engels-Gesamtausgabe mitarbeitete, und war als solcher hauptverantwortlich für einige Bände in der KAPITAL-Abteilung der MEGA. Als nunmehr freier Mitarbeiter der MEGA hat er die krtische Ausgabe des „3. Bandes“ (mit-)betreut. Man muss das alles erwähnen, weil es, da hast Du völlig Recht, ein verblüffendes Beispiel ist, dass die allerbeste Textkenntnis nicht vor politischer Torheit schützt.
    Man darf aber auch nicht unterschätzen, wie groß der quasi-automatische Dank gegenüber denjenigen ist (in diesem Fall: der chinesischen Partei), die einen am Kacken halten, sprich: die Brötchen bezahlen.
    Ich denke nicht, dass Kopf ein DKP-Heini ist, er hat sich m.W. einer KPD-Neugründung noch auf dem Boden der DDR (1990 war das) angeschlossen, es müsste jene KPD sein, die heute noch, hihi, im gleichen Gebäude wie das Neue Deutschland hockt und der sich, zumindest in der Gründungszeit, einige hochrangige professorale Stalinisten anschlossen. Sie bemühte sich auch intensiv um die nordkoreanisch-deutsche Völkerfreundschaft, in deren Schriftenreihe (www.drf.k-p-d.org/navigator/schriftenreihe_archiv.htm) ist der blühende Wahnsinn versammelt („Soldatenhumor – aus der alten sächsischen Armee“ neben Kim Jong Il „Zur Wahrung des Juche- und nationalen Charakters in der Revolution und beim Aufbau“ und eben Eike Kopf „Engels und Marx über Grundeigentum und Grundrente“).
    In den Weißenseer Blättern (noch so eine Sumpfblüte: Klerikalstalinismus!) (www.weissenseerblaetter.de) findet sich verstreut über zahlreiche Ausgaben seine grundlegende Einführung in das Werk von Marx und Engels, ganz ohne Stalin-Lobhudeleien und philologisch, natürlich, völlig korrekt (und somit durchaus lesenswert).
    Und als Philologen wollen wir, den Kopf, hier auch würdigen: Er hat einen Vorschlag gemacht, wie sich aus den sogenannten „Pariser Manuskritpten“ Marxens allererstes Vorhaben, eine Kritik der politischen Ökonomie zu schreiben, konsistent rekonstruieren lässt. Den wirklich sinnvollen Vorschlag habe ich hier dokumentiert: http://ofenschlot.blogsport.de/2010/01/06/marx-rekonstruieren-aber-richtig/

  2. 2 Stromsau 17. August 2010 um 19:01 Uhr

    „Ich denke nicht, dass Kopf ein DKP-Heini ist“.

    Hallo ofenschlot, vielen Dank für deine Ergänzung. Mit dem Begriff „DKP-Heini“ tue ich mich etwas schwer. Deine Ausführungen zur heutigen KPD teile ich aus eigenem Erleben dieser Partei, wenn auch als Außenstehender. Allerdings ist es in den Regionen, in denen ich Kopf als China-Agitator erlebt habe, mit der Trennschärfe der Mitgliedschaft jener KPD und der von mir genannten DKP nicht so weit her. Da gab es im Gegenteil seit den 90ern ein munteres hin- und herwechseln zwischen der KPF der damaligen PDS, der DKP, der genannten KPD, deren Spaltprodukten u.a. nach Werner Schleeses Rücktritt und eben allen möglichen Formen der Parteilosigkeit, die sich um Zeitschriften wie offen-siv oder Rotfuchs gruppieren, ohne sich notwendig an deren genauen Konfliktlinien zu orientieren. Kurz: Ein heilloses Durcheinander, das auch für die Identifikation von Argumentationslinien oder „Aktionseinheiten“ keine große Rolle spielte. Wenn ich hier Kopf in den falschen Topf geworfen habe, ist deine Richtigstellung umso angebrachter.

  3. 3 Ofenschlot 20. August 2010 um 18:05 Uhr

    Mensch, Du kennst Dich aus! Dieses Auskennen ist mir zum Glück (?) erspart geblieben. Aber was Du da knapp schilderst, ist ein schönes Beispiel, was für ein grandioser Humbug das ist: dass aus dem ML eben nicht ein für allemal folgt, wie die Partei auszusehen hat und was ein Parteiaufbau ist (das ist ja der strategische Anspruch des ML!), sondern das exakte Gegenteil — Chaos, Belibigkeit, Eklektizismus, Taktizismus, persönliche Eitelkeiten etc.pp. Herrlich! Das gleiche, selbstgewählte Schicksal erlitten und erleiden immer noch natürlich die ungezählten Trotzki-Sekten und auch die (in Deutschland de facto inexistenten) Bordigisten.

  4. 4 Stromsau 24. August 2010 um 19:54 Uhr

    Nicht nur inexistent sondern mir auch nicht näher bekannt, soweit nicht bei dir ab und an in Beiträgen und Kommentaren erwählt. (So weit ist es mit der „Auskennerei“ bei mir dann auch wieder nicht her). Ich lese gerade an anderer Stelle einen Übersichtstext zu dem Thema.

  5. 5 Ofenschlot 26. August 2010 um 21:00 Uhr

    Wenn Du auf sinistra.net gehst (library of the communist left) und Dich da mal ein wenig durchklickst, findest Du ein paar Spuren, die auch nach Deutschland führen. U.a. das Magazin „Kommunistisches Programm“ (1974-1981) http://sinistra.net/lib/upt/kompro/kompro.html Dem Vernehmen nach war die Gruppe in Berlin recht stark, implodierte aber, wie so viele, Anfang der 80er Jahre. Der Großteil in „Kommunistisches Programm“ ist sowieso übersetzt.
    (Achtung – Die Übersetzung auf sinistra.net sind ziemlich holprig…)
    Der von Dir verlinkte GIS-Beitrag ist ganz okay. Es gibt zwei relevante „bordigistische“ Abspaltungen (die dann nicht mehr „bordigistisch“ waren): Zum einen die Gruppe, die man heute als IKS (Internationale Kommunistische Strömung) kennt und deren historische Wurzel die französische Bilan-Gruppe ist – das war eine Zeitschrift, die zwischen 1934 und 1938 erschien. Und eben der internationale Zusammenschluss, dem auch die GIS-Genossen angehören: das sind die sogenannten Damenisten, also die linkskommunistische Fraktion um Onorato Damen. Sowohl IKS als auch GIS frönen halt nicht diesem notorisch-verknöcherten Parteifimmel der Altbordigisten.
    Bordiga hatte unmittelbar nach Ende den zweiten Weltkriegs eine Weltwirtschaftskrise (mit revolutionären Perspektiven für das Proletariat) für 1975 vorhergesagt – die trat ja dann auch tatsächlich ein. Was nicht eintrat: die Revolution. Mit ihrem Aubleiben hatten unsere Genossen nicht gerechnet. Der Meister war auch schon tot, und so brach schließlich eine große Konfusion aus – und die Partei zusammen. Such is life.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.