Archiv für August 2010

Wenn die Arbeitervorhut weiße Kittel anzieht…

Ende Juli erschien die aktuelle Worker’s Vanguard und der Blogsportler Neoprene hat sie gelesen. Soweit, so alltäglich. Dort wurden ein paar grundlegende Einlassungen zur Schulmedizin und ihrer alternativ-spirituellen Konkurrenz gemacht, die Neoprene „schwierig, schwierig“ fand und seither gibt es just bei ihm eine rege Debatte darum, wie man es zu halten habe mit der Gesundheitsindustrie.

Die Trotzkisten von der Arbeitervorhut haben dazu einen klaren Standpunkt: Schulmedizin ist Wissenschaft und gehört verteidigt gegen Rückfälle in und Rückgriffe auf die Mirakelkiste der Wanderprediger, Glaubensheiler und profanen Betrüger. Der wichtigste Einwand dagegen ist, dass in der Realität die Medizinanstalten den Leuten keineswegs immer die erhoffte Heilung bringen. Das Anliegen der Akteure im modernen Gesundheitswesen ist auch gar nicht unbedingt der Heilungserfolg, sondern das Geldverdienen an der Heilung. In der plattesten Form, die man historisch und anderswo auch heute noch begutachten kann, heißt das: Wer kein Geld hat, kriegt keine Behandlung und wer wenig Geld hat, bekommt eine Spar-Behandlung mit Billig-Methoden, die bisweilen weder dem neuesten Stand von Technik und Wissen, noch den höchsten Maßstäben der Verträglichkeit genügen. Hierzulande ist die große Masse pflichtversichert, was die Debatte aber nicht aus der Welt schafft. Politiker wie etwa Philipp Mißfelder halten „nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“ Mißfelder leitet übrigens mittlerweile den Arbeitskreis „Zusammenhalt der Generationen“ der CDU Deutschlands. (mehr…)

Ulf Poschardts gähnend langweilige Neiddebatte von oben

Ulf Poschardt, Herausgeber von so biederen Fachzeitschriften wie Musikexpress und Metal Hammer, hat mal wieder Lust bekommen, sich auszukotzen und in der WELT-Leserschaft ein dankbares Publikum gefunden. In seinem Kommentar vom 06.08.2010 hat er sich das Thema Neiddebatte vorgenommen. Eine solche sieht er angestachelt, weil Politiker der Oppositionsparteien deutsche Vermögensinhaber zu freiwilliger Spendentätigkeit auffordern wollen. Diese nicht ganz alltägliche Idee kam ihnen wohl, nachdem einige Milliardäre aus Amerika kürzlich unverbindlich erklärten, die Hälfte oder mehr von ihrem Vermögen bis spätestens zu ihrem Ableben spenden zu wollen. Hier setzt Poschardt an mit seiner unermüdlichen, aber auch ungenießbaren Aneinanderreihung tausendmal wiedergekäuter Allgemeinplätzchen, die er sich diesmal im Wesentlichen von Sloterdijk geklaut hat. Im Wesentlichen kürzt sich sein Begehr darauf zusammen, dass die Steuern bitteschön runter müssen und die Sozialausgaben auch, damit Reiche möglichst viel Gelegenheit bekommen, mit ihrem Privatgeld genau die Sorte von Elend und Not zu betreuen, die ihnen persönlich am Lohnendsten erscheint – schließlich wissen die am Besten mit Geld umzugehen.
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Ofenschlot zur neuen Marx-Lektüre

Ausgehend von einem Beitrag in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentiert der Blogger Ofenschlot sehr lesenswert die Reduktion Marx‘ zum Urheber einer reinen Methode oder Masche des Rechtfertigungs-Denkens hierzulande, vor allem aber auch in China. Dort arbeitet man nicht nur an einer neuen Marx-Engels-Übersetzung, sondern auch an einer neuen weltweit zu publizierenden Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Wie sehr man mit einem falschen Verständnis der Werke Marxens gleichzeitig DKP-Kommunist und China-Apologet sein kann, lässt sich gut an dem Wirken Professor Eike Kopfs nachvollziehen. Der ist im Hauptberuf seit einigen Jahren im chinesischen MEGA-Projekt involviert (mehr…)

Die erste Hackerin

„Eva hat das Paradies gejailbreakt. Natürlich mit einem Apple“.

(am Flughafen aufgeschnappt)

Kubanisches Parlament verhindert spätrömische Dekadenz

Die Lehren des geliebten Führers der deutschen Wachstumspartei, Guido Westerwelle, haben in Kubas aktueller Regierung offenbar eine treue Anhängerschaft gefunden. Blieb es bei einem missbilligenden Rauschen im eigenen Land, als der Prophet die Gefahren leistungslosen Einkommens thematisierte, so zogen die Führungseliten der sonst notorisch rückständigen und lernresistenten Karibik-Kommunisten inzwischen praktische Konsequenzen aus den weisen Worten des
großen Politökonomen Westerwelle

Es scheint in Deutschland nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet. [..] Diese Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken besorgt mich zutiefst.[..] Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.
An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern. In vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt wird hart gearbeitet, damit die Kinder es einmal besser haben.

Andernorts auf der Welt hält Kubas Führung vom harten Arbeiten so viel, dass es künftig zumindest im kleinen Rahmen auch auf eigene Rechnung, also unabhängig von gewerkschaftlichen Tarifvorstellungen, praktizierbar sein soll. Der Nachfrage nach dieser lateinamerikanischen Adaption der Ich-AG hilft ein umfangreiches Personalabbauprogramm in Verwaltung und öffentlichen Diensten auf die Sprünge. In der sachlich-verständnisvollen Berichtssprache des Neuen Deutschland vom 03.08.2010 klingt das so:

Bis zum ersten Quartal kommenden Jahres werde die Zahl staatlich Beschäftigter in erheblichem Ausmaß reduziert, verkündete Staats- und Regierungschef Raúl Castro in seiner Rede zum Abschluss der fünften Parlamentssitzung am Sonntagabend. Kurz zuvor hatte die Nationalversammlung Regierungsplänen zugestimmt, wonach Kleinbetriebe wieder zugelassen werden.[..]
In Übereinstimmung mit Gewerkschaften und politischen Organisationen habe der Ministerrat Mitte Juli zudem vereinbart, „Arbeit auf eigene Rechnung“ – also Kleinunternehmen – zuzulassen. So solle den ehemaligen Staatsbediensteten eine Alternative geboten werden, sagte Raúl Castro, der die Maßnahmen ausführlich begründete.

Raul Castro sieht längst ein:

Man muss ein für alle Mal mit der Vorstellung aufräumen, dass Kuba das einzige Land auf der Welt ist, in dem man leben kann, ohne zu arbeiten.

und hält nichts von „paternalistischen Denkansätzen, die von der Pflicht abhalten, für den Lebensunterhalt zu arbeiten“. Diese Erkenntnis findet ihre Parallelen in Gedanken des heiligen Paulus, aber auch anderer großer Geister wie Lenin, Westerwelle und Bebel, deren gemeinsamer Kern sich um Zusammenhänge von nicht so viel arbeiten und nicht so viel essen dreht. Der Hunger ist allmächtig, wenn er wahr ist, lautet das Credo. Mittlerweile auch auf Kuba.