Die späte anti-antideutsche Karriere des italienischen CIA-Kommunisten Ignazio Silone

Der italienische Schriftsteller und Politiker Ignazio Silone (1900-1978) erhitzt hierzulande auch heute noch so manches Gemüt. Zwar hat er eine Biographie voller Kämpfe und Niederlagen, Brüche und Seitenwechsel vorzuweisen. Dass eine einzige Person in ihrem Leben Gewerkschaftssekretär, Parteijugendführer, Chefredakteur einer linken Massenzeitung, aber auch Polizeispitzel im Faschismus, Untergrundkämpfer, Stalin-Kritiker, Romanautor, Vorsitzender einer CIA-finanzierten Kulturvereinigung, Jerusalem-Preisträger, Sympathisant des sozialdemokratischen PSI-Flügels und schließlich doch Christ sein kann, ist schon bemerkenswert. Insbesondere der hintere Teil dieser Liste würde Silone eigentlich auch heute zur tauglichen Ikone antideutscher Freiheitsfreunde qualifizieren. Wo jedoch ein „zwar“ und ein „würde eigentlich“ lauert, da ist auch das Aber nie weit. In seinem Fall ist es ein Zitat, das Antideutsche oft von ihren rechtskonservativen bis offen braunen Brüdern im islamophoben Geiste vor den Latz geknallt bekommen:

Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.


Allerdings muss man fairerweise sagen, dass dieser steile Satz in den letzten zwei Jahren eine bemerkenswerte Karriere hingelegt hat: Längst wenden ihn Antideutsche gegen andere ihnen zu deutsch erscheinende Antifaschisten an – und vice versa. Von wahlweise weit links oder weit rechts müssen ihn dann die Fans von CDU und Piratenpartei gefangen haben, die ihn seither in sämtlichen Foren, Blogs und Heimseiten breittreten.

Kleine Kostprobe gefällig? Bitte:

http://cdu-politik.de/2009/10/21/antifaschismus-zum-blendcharakter-einer-politischen-allzweckwaffe/
http://83273.homepagemodules.de/t2386f17-Suche-Berliner-Zeitungen-der-weimarer-republik.html
http://www.netz-gegen-nazis.de/frage/wie-haelt-manfrau-es-korrekt-mit-den-marken
http://web.piratenpartei.de/node/941/32080
http://www.denkforum.at/forum/showthread.php?t=7221
http://www.spiesser.de/meinung/der-neue-faschismus-wird-nicht-sagen-ich-bin-der-faschismus-er-wird-sagen-ich-bin-der-antifa
http://www.pi-news.net/2008/05/junge-welt-alter-faschismus/
http://f3.webmart.de/f.cfm?id=1849667&r=threadview&t=3599217&pg=3
http://thiaziwatch.wordpress.com/2008/12/21/rassenwahn-teil-1-abgrunde-der-nazi-anthropologie/
http://www.oberrat-brack.de/forum/thema.php?board=9&thema=51

Ekelhaft, nicht wahr?
Rechte und linke Moralisten freuen sich diebisch, wenn sie Anhängern einer abweichenden Moral mit diesem Zitat verärgerte, unbedachte Reaktionen entlocken und sie so vorführen. Gegen dieses Treiben will unter anderem dieser Artikel ein Beitrag sein. Zwar stimmt es, wie das Zitat nahelegt, dass der einen Fehler macht, der sich aus Erschütterung über die wirklich historisch beispiellosen Gräuel von Auschwitz und anderen Orten industrieller Menschen-Vernichtung* in besten antifaschistischen Absichten zum bedingungslosen Fürsprecher palestinensischer, israelischer, US-amerikanischer, iranischer, deutscher oder sonstiger Gewaltakte und Freiheitseinschränkungen macht, die in den Augen mancher denen im Faschismus hinreichend ähnlich erscheinen, um aus Dummheit oder Bosheit eine Parallele aufzumachen. Aber diese inhaltliche Debatte wird immerzu an vielen Orten geführt und rettet das ambivalente Zitat auch nicht, denn es ist gar keines.

Nach meiner Kenntnis gibt es nirgendwo einen brauchbaren Beleg, dass Ignazio Silone dies jemals irgendwo gesagt oder veröffentlicht hat. Ich habe über mehrere Wochen in Büchern und im Internet gefahndet und auch den Gang in eine Bibliothek nicht gescheut, um eine zeitliche Einordnung der hierzulande so häufig wiedergegebenen Zeilen hinzubekommen. Dies ist mir nicht gelungen.

Dabei fiel mir auf:

  • Dass der Spruch nirgendwo mit einer weitergehenden zeitlichen Einordnung als „Ignazio Silone, 1900-1979″ genannt wird
  • Dass er in zitierfähigen Sprüchesammlungen, die andere Silone-Zitate enthalten, nicht auftaucht
  • Dass er auch auf einschlägigen italienischen Silone-Seiten wie http://www.silone.it nicht genannt wird
  • Dass der Spruch im Englischsprachigen quasi kaum zu finden ist und wenn, dann als meist holprige Übersetzung von Quellen, die entweder über Deutschland berichten, aus Deutschland stammen oder deutsche Autoren haben.
  • Dass der Spruch in seriösen Magazinen mit Revisionsabteilungen nicht zu finden ist
  • und dass er zu Silones Biographie nicht passt, in deren Wandel er sich zwar von der SU und den an sie angelehnten Kommunisten abwendet, dabei mit Demokratie, Reformismus, Westen und USA seinen Frieden macht und durchaus einige fragwürdige Entscheidungen trifft, sich aber nie offiziell vom Antifaschismus abwendet.
  • Man kann also getrost davon ausgehen, dass Silone dies nicht gesagt hat. Ich lobe ein geringes Flattr- oder Paypal-Guthaben auf wahlweise Euro oder US-Dollar aus für den, der mich eines besseren belehrt. Unabhängig von dieser Enttäuschung für jene armen Seelen, denen jetzt ein liebgewonnenes Kampfmittel madig gemacht wird, passt die Gleichsetzung von links und rechts, von faschistischen Mörderbanden und ihren engagiertesten Gegnern nicht erst seit gestern und nicht nur in Deutschland all jenen in den ideologischen Kram, die sich für beide nur deshalb interessieren, weil sie störende Abweichungen vom bürgerlich-demokratischen Normalbetrieb sind. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass von dem Briten Bomber-Harris Winston Churchill folgende Bemerkung kursiert:

    The fascists of the future will be called anti-fascists.

    Leute, die es wissen sollten, haben allerdings nicht bestätigen können, dass er das oder ähnliches jemals gesagt hat.

    * Der Hinweis auf die Zusammensetzung der Vernichtungsopfer darf nicht fehlen, passte aber beim besten Willen nicht mehr in den Satz. Obwohl jeder, der halbwegs bei Trost ist, genau weiß, dass es vor allem deutsche und ausländische Juden erwischte, aber deutsche und ausländische Andersgläubige, Schwule, Kommunisten, Sinti, Roma, Sorben, „Zigeuner“, Sozialdemokraten, Widerständler jeder Art, Zufallsopfer, viele viele andere und ganz am Rande auch ein paar Typen, die jegliche Gesellschaft zumindest in irgendeine Art Knast aber sicher in kein KZ stecken würde, am Ende nicht minder tot waren, hebt jedesmal eine unappetitliche und furchtbare Debatte an, wenn man den Hinweis auf die Juden, die Kommunisten, die anderen Genannten fortlässt oder auch nur die Proportion nicht klar genug nennt.


    5 Antworten auf „Die späte anti-antideutsche Karriere des italienischen CIA-Kommunisten Ignazio Silone“


    1. 1 unwichtig 28. Juli 2010 um 20:10 Uhr

      Da waren andere aber schneller als du: http://namidh.blogspot.com/2010/06/ignazio-silone.html

    2. 2 Stromsau 28. Juli 2010 um 20:32 Uhr

      Danke für den Link. Der stützt ja sogar meine These, dass das Faschismus-Zitat ein Fake ist. (Blogger-Almosen habe ich aber nur für Widerlegungen ausgelobt, sorry).

      Gegen die wahre Flut an gedankenlosen Nachschreibern des weitverbreiteten Falsch-Zitates kann es aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn eine Hand voll Blogs (es werden ja wohl mehr als der und ich sein) darauf hinweist.

    3. 3 Sandra Frauenberger 29. Juli 2010 um 9:51 Uhr

      Gut zu wissen. Immerhin macht man in Österreich mit diesem Spruch Politik: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gudenus

    4. 4 Neoprene 29. Juli 2010 um 11:17 Uhr
    5. 5 Kohleofen 29. Juli 2010 um 13:32 Uhr

      Also, ich will’s mal negativ formulieren: Das hier ist das erste Mal, dass ich von dem Spruch gehört habe und also auch davon, dass er von Silone stammen soll. Ich habe mich mal intensiver mit seinem „Faszismus“(!)-Buch auseinandergestzt, da findet sich der Spruch nicht.
      Der Spruch könnte auch beinahe linkskommunistisch sein, denn Bordiga wird ja der Ausspruch zugeschrieben: „Das schlimmste Produkt des Faschismus ist der Antifaschismus“ (Wahrscheinlich hat er es so oder so ähnlich gesagt, die genaue Quelle habe ich aber noch nicht gefunden.) Silone, als KP-Mitglied ein „Zentrist“, hat aber stets gegen die Linkskommunisten gesprochen. Wieso sollte er sich deren Antifa-Kritik auf einmal zueigen machen? Für die Person Silone ergibt dieser Spruch nur Sinn vor dem Hintergrund seiner anti-totalitären Wende: Antifaschismus = Kommunismus = Stalin = Gefahr des Weltfriedens = Faschismus.
      Du, Stromsau, hättest aber einfach mal auf books.google suchen können. Man erfährt nicht viel, aber man erfährt, dass es der Schweizer Journalist Francois Bondy war, der in seinem Bändchen „Pfade der Neugier. Porträts“ diesen angeblichen Ausspruch Silones überliefert – er soll ihm, Bondy, gegenüber den Spruch geäußert haben. Steht auf Seite 84, mehr gibt books.google aber dann auch nicht her, da müsstest Du mal in die nächste Bibliothek gehen.
      Ja, er ist ein Spitzel gewesen, das ist wohl wahr (siehe hier http://www.nzz.ch/2005/07/01/fe/articleCXMO1.html). Das ändert aber nichts daran, dass sein „Faszismus“ ein großartiges Werk ist, weil es wirklich haarklein die faschistische Offensive in Italien beschreibt (das geht hinunter bis auf die molekulare Fabrikebene) und jeden einzelnen Schritt der Niederlage der Arbeiterbewegung nachvollziehbar macht. Dass Silone bei diesen Schritten nachgeholfen hat, macht das Buch nicht schlechter, aber gruselig.

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