Archiv für November 2009

China: Rote Kunst ist auch Kunst und rechnet sich

In einem skurril anmutenden Artikel über den Boom maoistischer Kunst fragt Johnny Erling gespielt naiv:

Was würde Mao Tse-tung nun sagen, wenn er wüsste, dass die Kunstwerke aus der Zeit des Kommunismus heute in China für Millionensummen gehandelt werden?

Was wohl? Er wäre stolz darauf, dass chinesische Kunst so hohe Preise zu erzielen vermag und dass es vor allem Chinesen und Unternehmen aus China sind, die das nötige Kleingeld haben, um die begehrten Stücke zu erwerben. Schließlich war Mao nicht nur Revolutionär, sondern vor allem und zu allererst Chinese.

Als solcher kann er ganz zufrieden sein. Geschäftstüchtige Chinesen haben erkannt, dass die Kunst der Revolution gerade deshalb im Wert eher noch steigen wird, weil es mit der roten Periode längst vorbei ist. „Abgeschlossenes Sammelgebiet“ nennt man sowas. Der Blickwinkel ist klar. Hier sind professionelle Sammler am Werk, denen die sammlungstechnische Einordnung und damit die Abschätzung möglicher Wertentwicklungen wichtiger ist als alle Befassung mit dem Inhalt der roten Werke. Der ist indes banal genug. 1,84 Millionen Euro, so verrät der Artikel, muss man aktuell hinblättern für „Vorsitzender Mao inspiziert Fabrik Nr. 3″ – Ein Bild, das ungefähr so aussieht, als ob ein dicker alter Politiker sich dabei fotografieren lässt, wie er die vorzeigbarsten Schuppen des Landes besucht und sich am Erfolg erfreut.

Konkret so: Vorsitzender Mao inspiziert Fabrik Nummer Drei. Bild: Auktionshaus Guardian

Zum Vergleich möchte ich dieses Kleinod der Verherrlichungskunst darbieten: „Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg besucht das Standortmarketing Oberfranken auf der CeBIT in Hannover“

Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg besucht das Standortmarketing Oberfranken auf der CeBIT in Hannover

Angesichts solcher Banalität kann man verstehen, dass Kunstliebhaber und Sammler zuallererst am Wert und nur nachrangig am Bild selbst interessiert sind. Angesichts all der Härten, die in dieser Gesellschaft einfach sein müssen, kann man aber nur hoffen und dafür werben, dass die kapitalistische Periode auch bald ein abgeschlossenes Sammelgebiet darstellt.

Kommunismus ganz groß im Kommen – sagt der rote Unternehmer

Kommt jetzt der Kommunismus?

20 Jahre nach dem Mauerfall ist der Kommunismus ein toter Hund und seine Leiche zu fleddern lohnt sich kaum noch. Mit Sorge sehen es Kommentatoren und professionelle Geschichtsaufarbeiter, wie wenig Interesse die ganze Aufregerei noch weckt. Schabowski erklärt die DDR zum historischen Fehltritt – und es gibt kein Echo. Der hauptberufliche Hubertus Knabe erklärt in der Zeitung mehrfach die rot-rote Koalition in Brandenburg zum Sündenfall, doch die Flut wütender Leserbriefe bleibt aus. Kommunismus kommt nicht, weiß man allerorten. Außer vielleicht in Österreich. Von dort stammt der rote Unternehmer Dr. Richard Seifert mit seinem XXXL-Möbelhausverbund und verbreitet über die deutsche Möbelbranche Wohlstand und Segen auf all seinen Wegen.

Ein Österreicher verspricht wichtige Umbrüche für unsere große Nation? Das Muster kenn ich doch! Ich war gleich ganz Aug‘ und Ohr!

Dabei erscheint der Befund so abwegig.

Die SPD entkernt, ihre ehemals realsozialistische Nachkommenschaft gezähmt und angekommen (LINKE) oder am Ende (DKP), die Gewerkschaften brav und allenfalls machtlos. Auf ein Problem des richtigen Maßes von Action und Staatsbürgerkunde ist selbst die RAF mittlerweile reduziert und die Autonomen kommen über gelegentliches Demonstrieren gegen und das Anzünden von Herrenmenschen und Herrensportwagen auch nicht hinaus zu revolutionären Ehren.

Da braucht es schon einen ausgebufften Experten mit Durchblick, der uns sagt, wo es langgeht! In Dr. Richard Seifert haben wir ihn gefunden. Der referiert auf Moebelkultur.de die untergründige Wühlarbeit der roten Agitatoren. In seiner Ehre als wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft sieht er sich angegriffen und ist

schlicht und einfach empört, wie leicht es in Deutschland möglich ist, dafür öffentlich diffamiert zu werden, dass man sanierungsbedürftige Betriebe übernimmt und gesundet, damit Arbeitsplätze sichert und neue schafft.

Bei seiner Einkaufstour quer durch die deutsche Möbelhaus-Landschaft ist er glatt auf ein Komplott der Kommunisten, Betriebsräte und Gewerkschafter gestoßen. Und das geht so:

Die Gruppe der Hiendl-Möbelhäuser mit dem Stammhaus in Passau ist nach dem Tod des Firmeninhabers in schwierige Zeiten gekommen und wurde von neu gewählten Betriebsräten massiv bekämpft. Das war wohl der Hauptgrund, warum der neue Inhaber und Sohn des verstorbenen Klaus Hiendl keine Lust mehr hatte, den Betrieb überhaupt weiterzuführen.

Na wenn das so ist… arbeiterfreundliche Unternehmer gab es ja immer mal wieder. Engels, Porst, Ackermann… keinem von ihnen wurde es richtig gedankt. Und jetzt also auch noch der grundanständige Seifert!

Wir nehmen für uns in Anspruch, Gewaltiges zur Sicherung der Betriebe und der Arbeitsplätze geleistet und dafür tief in die Geldtasche gegriffen zu haben. Unter normalen Umständen hätten wir Lob und Unterstützung von der Gewerkschaft Ver.di verdient.

Recht hat er! Gewerkschaften sind dafür da, Unternehmer zu loben und zu unterstützen und von jeglichem Forderungsgedöns abzuschirmen, statt sie mit Beschwerden irgendwelcher Arbeiter zu behelligen. Mit Jobs für jung und alt gäbe der deutsche Arbeitsmann auch wohlzufrieden, wäre da nicht

ein besonders kriegerischer Gewerkschaftssekretär tätig, der diese Leistungen unserer Mitgliedsbetriebe nicht anerkennen möchte. Bei uns verfestigt sich immer mehr der Eindruck, dass es hier nicht um die Interessen der Arbeitnehmer geht, sondern um Angstmacherei zum Zweck von Mitgliederwerbung. Ver.di bedient sich einiger 3-4 Jahre zurückliegender Einzelfälle, wie sie bei Betriebssanierungen nicht zu vermeiden sind, um unser Unternehmen insgesamt an den Pranger zu stellen. Es vergeht keine Woche, in der nicht irgendeine diffamierende, sehr oft überhaupt nicht richtige und jedenfalls negative Pressemeldung von Ver.di ausgeschickt wird. [..]Aus all dem wurde eine Giftsuppe von Vorwürfen gebraut, deren einseitige Darstellung in der Öffentlichkeit nicht zu verhindern war.

Ver.di skandalisiert Einzelfälle, die bei Sanierungen einfach sein müssen! Ist bei ganz normalem Geschäftsgang also schon der Empörungsfall eingetreten? Es sieht so aus!

Statt unserem Firmenverband, der fast 2.000 Auszubildende beschäftigt, für diese Ausbildungsleistung zu loben, bekommen wir den Vorwurf der Ausbeutung. Arbeitszeitüberschreitungen wurden beanstandet, die zum Teil auf Wunsch der Mitarbeiter (um mehr Geld zu verdienen) oder aus den Notwendigkeiten der 2-Tages-Auslieferungstouren (ein Monteur arbeitet am ersten Tag länger und am zweiten Tag kürzer) entstanden.

Ehrlose Schmutzfinken sind also am Werk, die schon herumkrakeelen, wo der normale Arbeiter noch einsieht, dass Mehrarbeit nun einmal sein muss und man einen ausreichenden Lohn bei normaler Stundenzahl nicht einfach so voraussetzen kann. Ein Fall für die Staatsmacht! Die ruft er auch gleich auf den Plan:

Wir haben mittlerweile zwei Zeitungen verklagt, die diese unrichtigen Behauptungen übernommen haben, beispielsweise den Vorwurf, wir würden „ältere Arbeitnehmer systematisch hinausdrängen“.

Warum die Medien sich bei solch unverfrorenen Forderungen überhaupt zu Komplizen machen, hat der scharfsinnige Denker auch gleich aufgedeckt. Sie haben eine gemeinsame Agenda, sie haben einen gemeinsamen Feind und sie haben eine gemeinsame Gewerkschaft!

Solange sich Ver.di allerdings darauf beschränkt, nur Negativbeispiele zu bringen, und solange Medien, deren Mitarbeiter von derselben Gewerkschaft Ver.di vertreten sind, auf all das freudig aufspringen, solange wird man wohl jeden Unternehmer als Einschüchterer und Ausbeuter sehen und die enormen Leistungen die wir für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erbringen, nicht erkennen. Damit müssen wir leben.

Doch die unerhörten Frechheiten der Gewerkschafter prallen zum Glück an den grundguten Mitarbeitern wirkungslos ab. Schließlich setzt der Konzern auf

Kooperative und teamorientierte Führung, direkter Kontakt von Führungskräften zu Mitarbeitern, große Anstrengungen in Richtung Motivation und Begeisterung der Mitarbeiter, Anerkennung von Leistung durch Prämien- und Provisionsmodelle. [..l Von den erwähnten Mitarbeiterbefragungen halte ich persönlich nicht viel. Eine gute Führungskraft muss mit jedem Mitarbeiter regelmäßig und so intensiven Kontakt haben, dass sie die Anliegen der Mitarbeiter kennt und erfüllt. Wir brauchen keine Statistiken, die uns sagen, wie viel Prozent der Mitarbeiter für oder gegen was sind, sondern wir brauchen Führungskräfte, die um die Mitarbeiter tagtäglich bemüht sind. [..]Das ist einer der wichtigsten Punkte unserer Führungskräfteschulungen: Die Mitarbeiter zu respektieren, sie zu fördern, zu schulen und ihnen eine zumutbare Leistung abzuverlangen.

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Und das funktioniert. Die Führung kennt keine Fehler, die Belegschaft keine Kritik und das Einvernehmen über die Zumutungen keine Grenzen. Es geht um’s große Ganze. Niemand will sich bares Prämien-Geld entgehen lassen, indem er nur normal und nicht mit Begeisterung und großer Anstrengung seine überlangen Arbeitszeiten ableistet. Arbeit und Ausbeutung, Wert und Mehrwert, das ist letztlich auch immer eine Frage des Wollens und der Lust. Nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Unternehmer! Wenn die ausbleibt, steht es schlecht um die Heimat:

Ob dem Land und den Arbeitnehmern damit ein guter Dienst erwiesen wird, wird sich spätestens dann zeigen, wenn uns endgültig die Lust vergangen ist, weitere Sanierungsbetriebe um teures Geld in Schwung zu bringen, und wir dazu übergehen müssen, Betriebe erst dann zu übernehmen, wenn alle Arbeitnehmer in einer Insolvenz abgefunden und nur mehr die Geschäftsimmobilien übrig sind. Dass wir am besten Weg dorthin sind, erkennen Sie daran, dass wir uns trotz verlockender Angebote und grundsätzlichem Interesse nicht entschließen konnten, uns um die Möbelsparte von Quelle zu bemühen: Da hätten wieder wir die Dreckarbeit machen und uns dafür von Gewerkschaften beschimpfen lassen dürfen.

Das geht natürlich nicht an. Der brave Arbeitsmann muss sich schon entscheiden, ob er sich konstruktiv und gegen Prämie ins Zeug legt und gemeinsam mit der Firmenleitung die Drecksarbeit machen mag oder ob er lieber die Nation schädigt, um gemeinsam mit dem DGB dem Morgenrot entgegen zu ziehen. Frei nach dem alten Schlagermotto „du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen“ zwingt Dr. Seifert deshalb schließlich seiner Belegschaft genau die Systemfrage auf, die zu stellen denen nie in den Sinn gekommen wäre:

Wenn es Ver.di und ihrem so aktiven Funktionär in Landshut weiter gelingt, den eingeschlagenen Weg mit Unterstützung mancher Medien fortzusetzen, dann ist das Ende dieses Weges klar: Die Wiederauferstehung des Kommunismus.
Dann gibt es keine Umsatzvorgaben für Verkäufer mehr, dann regieren die Funktionäre, die sich heute in der Rolle des Anprangerns gefallen, und dann brauchen wir auch keine Rabattschlachten von 30 – 80 % mehr, weil dann wird es nicht mehr an Mitarbeitern und Umsätzen mangeln, sondern an der Ware, die der Kommunismus nicht imstande war zu liefern.

Da haben wir es! Kommunismus oder Kommoden. Realsozialismus oder Rabattschlachten. Umsturz oder Umsatz. Man kann nicht alles haben. Derart klar und beeindruckend hat das dem gemeinen Pöbel schon lange keiner mehr gesagt. Das sitzt. Von Revolution werden wir so schnell nichts mehr hören. Jede Wette!