DDR böse weil unterlegen – aber die Schüler begreifen’s nicht

Die konservative deutsche Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichte heute einen Artikel über eine Studie, in der abgeklopft wurde, was die Schüler so zum untergegangenen zweiten Deutschland zu sagen haben.

Obwohl die DDR mittlerweile fast halb so lange weg ist, wie es sie da war, zeigt sich ein Problem: Die Jugend will partout nicht die offizielle und in der Öffentlichen Meinung unumstrittene Sicht auf den Oststaat sehen: Politisch korrupte Bonzen überwachen allerorten die Leute, lassen sie weder in den Westen reisen noch für den Systemwechsel agitieren und ruinieren die Wirtschaft.

Gerade im Westen der Republik, wo kaum alte Stasi – oder SED-Kader oder gar die PDS (das ist irgendwie sowieso alles dasselbe) den jungen Leuten Flausen in den Kopf setzen, will so mancher Nachgewachsene sich die feine Unterscheidung zwischen gutem Verfassungsschutz West und schlechter HVA Ost, freiheitlichem Berufsverbot oder diktatorischer Verweigerung von Unizugang und Karriere einfach nicht zueigen machen. Das taugt allemal zum Skandal. Nicht, weil die Abwehrhaltung gegen den Feind von gestern heute noch praktisch relevant wäre.

Die Motivation zum Aufschrei geht anders:

Die Werte einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft seien erschreckend vielen Schülern weder bekannt noch bewusst. „Deshalb wissen sie gar nicht, was eine Diktatur ist“, kommentiert Forschungsleiter Klaus Schroeder von der FU. Es herrsche eine „sozialromantische Verklärung“ der vor 18 Jahren untergegangenen DDR-Diktatur. „Es ist die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes, das aber irgendwie sehr sozial war“, so Schroeder.

Die DDR muss wie weiland der Nationalsozialismus herhalten als negatives Schreckbild, von dem sich die BRD dann positiv abheben soll. Und weil das mit dem Schreck nichts rechtes wird, sehen die Forscher den unbedingten positiven Bezug auf unseren heutigen Staat gefährdet. Ohne ein absolut böses, unmoralisches, unanständiges Gegenbild, das gerechterweise untergegangen ist, meinen sie es nicht auf die Reihe zu kriegen, dass die Jugend ihren Staat so richtig geil findet – und das trotz Fußball-WM, deutschem Papst und „Du bist Deutschland“. Das ist eine Sorge, die die DDR auch immer hatte. Dass staatliche Erklärungen über das Gegenlager im Westen Aufklärung und im Osten immer nur Propaganda sein mussten, ist ja wohl klar – schließlich stand sie nicht für „unsere“ Werte, die ja die Werte überhaupt sind. Deshalb ist das da drüben auch gescheitert, die Leute mochten nicht produktiv sein für die falschen Werte und darüber ging die DDR dann pleite.

Nur sehen die Schüler das nicht so eng:

Die desaströse Lage der DDR-Rentner stellt sich im Kenntnisstand der NRW-Schüler so dar: 17,5 Prozent (Gymnasiasten 16,4; Gesamtschüler 21,9) glauben, die Renten waren in der DDR besser. 56,4 Prozent in der BRD (Gymnasium 58; Gesamtschule 50,8). „In beiden gleich“ sagten 26 Prozent.

Die desaströse Lage der DDR-Rentner, die zwar keine Sorgen mit der Miete und der Grundversorgung hatten, aber eine kleine Rente und keine Finca Spanien leuchtet den Jungs und Mädels nicht ein, denen man alle Nase lang klarmacht, dass ihre eigene staatliche Rente später mal nicht reichen wird. Das ist schlimm, denn:

Wie folgenreich Verklärung des DDR-Staatssozialismus für gegenwartsbezogene Einstellungen und politisches Verhalten ist, zeigen die Antworten auf die Frage, ob ihnen „staatliche Rundumversorgung“ oder „Freiheit“ wichtiger sei. 60 Prozent votierten für Freiheit (Gymnasium 61,9; Gesamtschule 53,2), dagegen 16,8 (Gymnasium 16,2; Gesamtschule 18,6). Gleichgültig in dieser Frage zeigten sich 23,2 Prozent (Gesamtschule 28,2).

Wer sich einbildet, dass die DDR zwar keinen Wohlstand, aber jede Menge grundlegende Sozialleistungen zuwege gebracht hat, dem leuchtet nicht ein, dass Lohn und andere Kosten für Unternehmer sinken müssen, damit es Lohnempfängern in Zukunft besser geht. Schlimmstenfalls wählen solche dann noch PDS oder treten in die GDL ein.

Dass es den Jungen gar nicht skandalwürdig scheint, wie sehr in der DDR überwacht wurde, wie Menschen nach ihrer Nützlichkeit für die Staatszwecke sortiert wurden und wie sehr die DDR in Demokratie, Freiheit und Wohlfahrt hinter ihren eigenen Behauptungen zurückfiel, ist bezeichnend. Möglicherweise regen sich die Schüler deshalb nicht so sehr darüber auf, weil sie das alles schon so ähnlich kennen – aus eigener Anschauung.

Knapp zwei Drittel der Schüler – unter den Gesamtschülern sogar über 70 Prozent – haben ein positives oder unentschiedenes Bild von der DDR-Sozialpolitik.“

Und das darf einfach nicht sein. Gerade die, die sowieso mehrheitlich nichts gescheites werden in unserer Republik, finden die Armenbetreuung des ehemaligen Feindstaates nicht skandalös.

Verteidiger von Freiheit und Demokratie können aber aufatmen: Es gibt keinerlei Indizien, dass sich der Nachwuchs nach einer Welt ohne Elendsverwaltung, weil ohne Elend sehnt und sich fragt, ob man Warenproduktion und Privateigentum überhaupt braucht. Und das ist doch irgendwie beruhigend, oder?


4 Antworten auf „DDR böse weil unterlegen – aber die Schüler begreifen’s nicht“


  1. 1 libertär22 22. November 2007 um 19:46 Uhr

    Wenn man das liest, kann einem schlecht werden. Irgendwelche Hauptschüler haben nur Playstation im Kopf und kennen deshalb den Unterschied zwischen DDR-Faschismus und Freiheit nicht – OK. Aber dass hier diese Diktatur auch noch so abgefeiert wird, ist echt zum Kotzen. Fühlst du dich gut dabei, wenn du dich mit Folterkeller-Opas und Antisemiten gemein machst?

  2. 2 Der Autor 12. August 2008 um 14:11 Uhr

    Ja. Hast du noch weitere Fragen?

  3. 3 ipar 11. Dezember 2009 um 14:05 Uhr

    Ein sehr sarkastischer Artikel… gefällt mir – denke ich o.O

  4. 4 jW-Leser 28. Juni 2012 um 6:31 Uhr

    http://www.jungewelt.de/2012/06-28/059.php

    Die Nachfolgestudie zeichnet dasselbe Bild, die Forschungsverbund-Ideologen sind erneut „entsetzt“.

    Propaganda zieht nicht
    Von Jana Frielinghaus

    Wer kennt den Mann auf dem Plakat? Diese Frage wurde den Schülern nicht gestellt

    Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen« heißt die Studie, die am Mittwoch in der Berliner Freien Universität (FU) der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Deren Ergebnis: Recht wenige Neunt- und Zehntklässler können historische Ereignisse und Entwicklungen dem richtigen politischen System bzw. Urheber zuordnen. Gleichzeitig entspricht ihre Meinung über DDR, Nazizeit, Alt-BRD und »wiedervereinigtem Deutschland« oft nicht dem, was Politik und Mainstreammedien seit Jahr und Tag in die Köpfe zu pflanzen bemüht sind.

    Klaus Schroeder, Leiter der Untersuchung und des »Forschungsverbundes SED-Staat« an der FU, beklagte, viele der 7500 Befragten hielten weder die DDR noch das Hitlerregime für eine Diktatur, die heutige und die alte Bundesrepublik wiederum nicht für eine lupenreine Demokratie. Ursache dieser Fehleinschätzungen sei das geringe »historisch-politische Wissen«. Denn, so ein weiteres Fazit, mit zunehmenden Kenntnissen seien auch die Urteile über den Charakter der verschiedenen Systeme zutreffender. Hier sei der Zusammenhang weit enger als etwa der zwischen Herkunft der Eltern und Beurteilung z.B. der DDR.

    Zu Nazizeit, DDR und BRD vor und nach dem Anschluß der DDR wurden jeweils sechs Wissens- und diverse Fragen etwa zur Beurteilung der historischen Ereignisse gestellt. Teilgenommen haben Schüler aus Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Unter den Wissensfragen sind indes einige sehr trickreich formuliert wie etwa die, welche »sozialpolitische Maßnahme« im »wiedervereinigten Deutschland eingeführt« wurde. Die möglichen vorgegebenen Antworten: »Eine deutliche Anhebung der ostdeutschen Renten«, »Eine Rentenkürzung um 19 Prozent«, »Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis zu einem Alter von 69 Jahren« oder »Der Ersatz aller Sozialleistungen durch Hartz IV«. In drei Sätzen befindet sich also ein Detailfehler, so daß nur der erste angekreuzt werden kann.
    Aktion „Ich lese die junge Welt, weil mich die Themenschwerpunkte Internationales, EU-Diktatur und Sozialabbau aus dem Blickwinkel der deutschen linken Bewegungen interessieren und ihre Erfahrungen mit den Aktionen dagegen.“
    Cyrille, Luxembourg (Lëtzebuerg)

    Bemerkenswert: Die ostdeutschen Teilnehmer schnitten sowohl im Wissensteil als auch hinsichtlich der Trefferquote bei im Sinne der Autoren richtigen Urteilen am besten ab. Im Jahr 2008, als Schroeders Verbund bereits eine ähnliche Untersuchung veröffentlicht hatte, führten noch die westdeutschen Schüler. Damals beteiligten sich jedoch auch die Länder Berlin, Brandenburg und Sachsen an der Befragung, an der neuerlichen nicht. Mit Blick auf Sachsen meinte der Politologe, hier sei auf keinen Fall eine Abwehr von Kritik am in den Schulen vermittelten DDR-Bild Motiv für die Nichtteilnahme. Vielmehr meint selbst Schroeder, der regelmäßig als Verfechter der Unrechtsstaat-DDR-Doktrin hervortritt, der Freistaat übertreibe in Sachen Gleichsetzung von »DDR- und NS-Diktatur«.

    Die Verfasser monieren, daß nur ein Drittel der Befragten die DDR »zweifelsfrei als Diktatur« einordnen – und andererseits nur 60 Prozent das aktuelle politische System als demokratisch. Daß letztere Einschätzung möglicherweise auch aus praktischer alltäglicher Ohnmachtserfahrung resultiert, wird von ihnen nicht thematisiert.

    Nach Ansicht der Autoren ist eine »wertorientierte Kenntnisvermittlung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Schulunterricht dringend geboten«, um Jugendliche gegen »diktatorische Versuchungen« zu »immunisieren« und »historischen Analphabetismus« zu verhindern.

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