Bahnstreik ist unanständig

Ein Beitrag aus der Printausgabe der mitteldeutschen Wochenzeitung UNZ (www.unz.de) über die Wahrnehmung des ersten mehrtägigen Bahnstreiks.

Bahnstreik ist unanständig

„Streik, Streik, Streik – Langsam reichts auch mal wieder. Die sollen
denen ihren Willen geben und gut“. Die dicke Mitarbeiterin nickt. Der Zugbegleiter stürzt seinen Rest Kaffee hinunter, nimmt sein Gerät und geht weiter. Die offizielle Sicht der Konzernleitung auf den 30-Stunden-Streik lautet anders. Aber als Bahnfahrer hat man andere Sorgen. 350 km von A nach B oder andersrum vier bis acht Fahrten pro Woche. Am Donnerstag dauerte diese
Reise fast fünf Stunden, normal ist die Hälfte. Die Leute sind gespannt und gereizt, einige regen sich lautstark auf. Der Zugbegleiter beschwichtigt, Verspätungen bekomme man übrigens am
Zielbahnhof bestätigt. Dort will ich mich aber nicht in die Schlange einreihen, ich bin auch so schon spät dran.

Medien und Bahn sind sich einig: Die Pendler haben genug und die GDL möge sich endlich fügen. Die Bahn sei nicht schuld. Tausende Mitarbeiter an der Hotline – aber man kommt kaum durch und erfährt auch nichts. Fährt dieser Zug auch im Notfahrplan für den zweiten
Streiktag? Wissnwanicht. Ist er denn heute pünktlich gefahren? Könnwanichtsagen. Ihre einzige Informationsquelle sind Abfahrtstafeln mit Start und Ziel der Züge und einer notorisch falschen Schätzung, ob der Zug verspätet, auf anderem Gleis oder gar nicht ankommt. Keine
Auskunft ob ich besser zu diesem oder jenem Bahnhof fahre, um dort auf Anschluss zu hoffen. Die Kollegen im Bahnhof wissen auch nicht mehr. Bei ihnen kommen Informationen noch später an. Ein Mitarbeiter warnt mich, bitte nicht in den Ersatz-Zug einzusteigen, da der erst in über
einer Stunde abfahre. „Bitte nicht einsteigen“ steht auch am Bahnhofsanzeiger. Ich steige trotzdem ein. Fünf Minuten später fährt er los.

50% des Plansolls und reibungslosen Verkehr meldet die Bahn. Real ist nicht viel gefahren. Die Zeitungen drucken es trotzdem. Mehr Lohn und bessere Arbeitszeiten fordern – unerhört. GDL-Chef Schell (CDU) kämpft um mehr als neue „Angebote“, die faktisch genau wie die vorherigen sind. Anständige Gewerkschafter tun sowas nicht. Schon gar nicht, wenn
dadurch der Börsengang der Bahn in Gefahr gerät. Gut und böse ist klar verteilt im Bahnstreik. Mehr fordern als die Bahn erlaubt – dürfen die das? Und dann auch noch Streiks nicht nur ankündigen sondern auch machen?

Mit solchen Fragen befasst sich die Öffentlichkeit. Das ist sehr erhellend.