Archiv für November 2007

DDR böse weil unterlegen – aber die Schüler begreifen’s nicht

Die konservative deutsche Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichte heute einen Artikel über eine Studie, in der abgeklopft wurde, was die Schüler so zum untergegangenen zweiten Deutschland zu sagen haben.

Obwohl die DDR mittlerweile fast halb so lange weg ist, wie es sie da war, zeigt sich ein Problem: Die Jugend will partout nicht die offizielle und in der Öffentlichen Meinung unumstrittene Sicht auf den Oststaat sehen: Politisch korrupte Bonzen überwachen allerorten die Leute, lassen sie weder in den Westen reisen noch für den Systemwechsel agitieren und ruinieren die Wirtschaft.

Gerade im Westen der Republik, wo kaum alte Stasi – oder SED-Kader oder gar die PDS (das ist irgendwie sowieso alles dasselbe) den jungen Leuten Flausen in den Kopf setzen, will so mancher Nachgewachsene sich die feine Unterscheidung zwischen gutem Verfassungsschutz West und schlechter HVA Ost, freiheitlichem Berufsverbot oder diktatorischer Verweigerung von Unizugang und Karriere einfach nicht zueigen machen. Das taugt allemal zum Skandal. Nicht, weil die Abwehrhaltung gegen den Feind von gestern heute noch praktisch relevant wäre.

Die Motivation zum Aufschrei geht anders:

Die Werte einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft seien erschreckend vielen Schülern weder bekannt noch bewusst. „Deshalb wissen sie gar nicht, was eine Diktatur ist“, kommentiert Forschungsleiter Klaus Schroeder von der FU. Es herrsche eine „sozialromantische Verklärung“ der vor 18 Jahren untergegangenen DDR-Diktatur. „Es ist die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes, das aber irgendwie sehr sozial war“, so Schroeder.

Die DDR muss wie weiland der Nationalsozialismus herhalten als negatives Schreckbild, von dem sich die BRD dann positiv abheben soll. Und weil das mit dem Schreck nichts rechtes wird, sehen die Forscher den unbedingten positiven Bezug auf unseren heutigen Staat gefährdet. Ohne ein absolut böses, unmoralisches, unanständiges Gegenbild, das gerechterweise untergegangen ist, meinen sie es nicht auf die Reihe zu kriegen, dass die Jugend ihren Staat so richtig geil findet – und das trotz Fußball-WM, deutschem Papst und „Du bist Deutschland“. Das ist eine Sorge, die die DDR auch immer hatte. Dass staatliche Erklärungen über das Gegenlager im Westen Aufklärung und im Osten immer nur Propaganda sein mussten, ist ja wohl klar – schließlich stand sie nicht für „unsere“ Werte, die ja die Werte überhaupt sind. Deshalb ist das da drüben auch gescheitert, die Leute mochten nicht produktiv sein für die falschen Werte und darüber ging die DDR dann pleite.

Nur sehen die Schüler das nicht so eng:

Die desaströse Lage der DDR-Rentner stellt sich im Kenntnisstand der NRW-Schüler so dar: 17,5 Prozent (Gymnasiasten 16,4; Gesamtschüler 21,9) glauben, die Renten waren in der DDR besser. 56,4 Prozent in der BRD (Gymnasium 58; Gesamtschule 50,8). „In beiden gleich“ sagten 26 Prozent.

Die desaströse Lage der DDR-Rentner, die zwar keine Sorgen mit der Miete und der Grundversorgung hatten, aber eine kleine Rente und keine Finca Spanien leuchtet den Jungs und Mädels nicht ein, denen man alle Nase lang klarmacht, dass ihre eigene staatliche Rente später mal nicht reichen wird. Das ist schlimm, denn:

Wie folgenreich Verklärung des DDR-Staatssozialismus für gegenwartsbezogene Einstellungen und politisches Verhalten ist, zeigen die Antworten auf die Frage, ob ihnen „staatliche Rundumversorgung“ oder „Freiheit“ wichtiger sei. 60 Prozent votierten für Freiheit (Gymnasium 61,9; Gesamtschule 53,2), dagegen 16,8 (Gymnasium 16,2; Gesamtschule 18,6). Gleichgültig in dieser Frage zeigten sich 23,2 Prozent (Gesamtschule 28,2).

Wer sich einbildet, dass die DDR zwar keinen Wohlstand, aber jede Menge grundlegende Sozialleistungen zuwege gebracht hat, dem leuchtet nicht ein, dass Lohn und andere Kosten für Unternehmer sinken müssen, damit es Lohnempfängern in Zukunft besser geht. Schlimmstenfalls wählen solche dann noch PDS oder treten in die GDL ein.

Dass es den Jungen gar nicht skandalwürdig scheint, wie sehr in der DDR überwacht wurde, wie Menschen nach ihrer Nützlichkeit für die Staatszwecke sortiert wurden und wie sehr die DDR in Demokratie, Freiheit und Wohlfahrt hinter ihren eigenen Behauptungen zurückfiel, ist bezeichnend. Möglicherweise regen sich die Schüler deshalb nicht so sehr darüber auf, weil sie das alles schon so ähnlich kennen – aus eigener Anschauung.

Knapp zwei Drittel der Schüler – unter den Gesamtschülern sogar über 70 Prozent – haben ein positives oder unentschiedenes Bild von der DDR-Sozialpolitik.“

Und das darf einfach nicht sein. Gerade die, die sowieso mehrheitlich nichts gescheites werden in unserer Republik, finden die Armenbetreuung des ehemaligen Feindstaates nicht skandalös.

Verteidiger von Freiheit und Demokratie können aber aufatmen: Es gibt keinerlei Indizien, dass sich der Nachwuchs nach einer Welt ohne Elendsverwaltung, weil ohne Elend sehnt und sich fragt, ob man Warenproduktion und Privateigentum überhaupt braucht. Und das ist doch irgendwie beruhigend, oder?

Bahnstreik ist unanständig

Ein Beitrag aus der Printausgabe der mitteldeutschen Wochenzeitung UNZ (www.unz.de) über die Wahrnehmung des ersten mehrtägigen Bahnstreiks.

Bahnstreik ist unanständig

„Streik, Streik, Streik – Langsam reichts auch mal wieder. Die sollen
denen ihren Willen geben und gut“. Die dicke Mitarbeiterin nickt. Der Zugbegleiter stürzt seinen Rest Kaffee hinunter, nimmt sein Gerät und geht weiter. Die offizielle Sicht der Konzernleitung auf den 30-Stunden-Streik lautet anders. Aber als Bahnfahrer hat man andere Sorgen. 350 km von A nach B oder andersrum vier bis acht Fahrten pro Woche. Am Donnerstag dauerte diese
Reise fast fünf Stunden, normal ist die Hälfte. Die Leute sind gespannt und gereizt, einige regen sich lautstark auf. Der Zugbegleiter beschwichtigt, Verspätungen bekomme man übrigens am
Zielbahnhof bestätigt. Dort will ich mich aber nicht in die Schlange einreihen, ich bin auch so schon spät dran.

Medien und Bahn sind sich einig: Die Pendler haben genug und die GDL möge sich endlich fügen. Die Bahn sei nicht schuld. Tausende Mitarbeiter an der Hotline – aber man kommt kaum durch und erfährt auch nichts. Fährt dieser Zug auch im Notfahrplan für den zweiten
Streiktag? Wissnwanicht. Ist er denn heute pünktlich gefahren? Könnwanichtsagen. Ihre einzige Informationsquelle sind Abfahrtstafeln mit Start und Ziel der Züge und einer notorisch falschen Schätzung, ob der Zug verspätet, auf anderem Gleis oder gar nicht ankommt. Keine
Auskunft ob ich besser zu diesem oder jenem Bahnhof fahre, um dort auf Anschluss zu hoffen. Die Kollegen im Bahnhof wissen auch nicht mehr. Bei ihnen kommen Informationen noch später an. Ein Mitarbeiter warnt mich, bitte nicht in den Ersatz-Zug einzusteigen, da der erst in über
einer Stunde abfahre. „Bitte nicht einsteigen“ steht auch am Bahnhofsanzeiger. Ich steige trotzdem ein. Fünf Minuten später fährt er los.

50% des Plansolls und reibungslosen Verkehr meldet die Bahn. Real ist nicht viel gefahren. Die Zeitungen drucken es trotzdem. Mehr Lohn und bessere Arbeitszeiten fordern – unerhört. GDL-Chef Schell (CDU) kämpft um mehr als neue „Angebote“, die faktisch genau wie die vorherigen sind. Anständige Gewerkschafter tun sowas nicht. Schon gar nicht, wenn
dadurch der Börsengang der Bahn in Gefahr gerät. Gut und böse ist klar verteilt im Bahnstreik. Mehr fordern als die Bahn erlaubt – dürfen die das? Und dann auch noch Streiks nicht nur ankündigen sondern auch machen?

Mit solchen Fragen befasst sich die Öffentlichkeit. Das ist sehr erhellend.